Heißblütiges Rennpferd statt gallischer Wildsau

Nach den ersten Kilometern stand das (Vor-)Urteil fest: Mit den optionalen 19-Zoll-Alus lief das Muskelpaket der DS4-Reihe von Citroën ziemlich steif – selbst auf glattem Asphalt! Doch die vermeintliche gallische Wildsau entpuppte sich als heißblütiges Rennpferd: Kein Verhärten der Federung auf zweitklassigen Straßen. Stattdessen sogar Cruise-Qualitäten – samt kultiviertem Kraftwerk mit wunderbar homogener Leistungsentfaltung.

Citroën DS4 200 THP Sport Chic Über die DS-Linie von Citroën (DS3, DS4 und DS5) kann man geteilter Meinung sein. Eine Reminiszenz an die unvergleichliche Göttin soll sie angeblich sein, mit der die aktuellen Modelle freilich so gar nichts gemein haben. Außer die Franzosen schieben irgendwann einen – oder besser gesagt: eine! – DS6 nach. Eine, deren Radstand von einem Karosserie-Ende bis zum anderen reicht, die natürlich über die beste Hydropneumatik aller Zeiten verfügt (die DS-Linie federt quasi wie Hinz und Kunz), und bei deren Anblick es einem den Atem verschlägt. So wie 1955 auf dem Pariser Autosalon, als für die Göttin nach dem ersten Messetag 12.000 Bestellungen vorlagen.

Datenblatt
Motor 16V-R4-Turbobenziner, 1.598 ccm, Euro 5
Leistung 147 kW/200 PS bei 5.800/min
Spitze 235 km/h
Testverbrauch 9,1 l ROZ 95/100 km
Normverbrauch 6,4 l ROZ 95/100 km
CO2 149 g/km
L/B/H 4.275/1.810/1.533 mm
Leergewicht 1.356 kg
Gesamtgewicht 1.820 kg
Preis EUR 30.390,- inkl. 7% NoVA und 20% MwSt.
Stand: Juli 2012

Immerhin konnte Citroën – und damit wechseln wir vom emotionalen zum sachlichen Part – Mitte April dieses Jahres, anlässlich des zweiten Geburtstags der DS-Linie, das 200.000ste DS-Modell ausliefern. Ein Erfolg, der zu einem Großteil sicher dem unkonventionellen Design der DS-Karossen zuzuschreiben ist, wenngleich es in Details eher exaltiert als avantgardistisch wirkt. Aber wahrscheinlich liegt er auch darin begründet, dass hier einfach gute Autos auf die mitunter riesigen Pneus gestellt werden. Ein Attribut, das sich zumindest der DS4 THP 200 wirklich verdient hat, mit dem wir uns von Tag zu Tag mehr angefreundet haben.

„Schuld“ daran hat vor allem der prachtvolle 200-PS-Benziner, der in allen Lebenslagen überzeugt. Ja, klar, werden manche sagen, die Maschine wurde schließlich gemeinsam mit BMW-Motorengurus entwickelt. Na und? Solche Kooperationen sind heutzutage gang und gäbe. Tatsache ist, dass dieses traumhafte Triebwerk unter der Haube des stärksten DS4 für ungetrübten Fahrspaß sorgt. Zumal das Turbo-Aggregat seine Kraft nicht brachial, sondern überaus harmonisch entfaltet.

Eine Leistungs-Charakteristik, die einem Power-Fronttriebler natürlich besonders entgegenkommt. Denn beim Beschleunigen aus engen Kurven machen sich die 200 Pferderln deutlich in der direkten Lenkung bemerkbar. Diese agiert übrigens nicht übertrieben leichtgängig, aber durchaus präzise. Eine Exaktheit, die man weitgehend auch der – eher leichtgängigen – Sechsgang-Schaltung attestieren kann.

Hat man das Volant also ordentlich im Griff, sind Serpentinen-Fahrten ein Hochgenuss. Dank standfester Bremsen nicht nur rauf, sondern auch runter. Dazu kommt die angenehme Eigenschaft, dass sich Wankbewegungen beim DS4 in engen Grenzen halten. Was natürlich auch ein Verdienst des straff abgestimmten Fahrwerks ist, zumal es ausgewogener federt, als ursprünglich vermutet (siehe Vorspann). Und das, obwohl der DS4 als Pseudo-SUV relativ hoch baut: 130 Millimeter beträgt die Bodenfreiheit, 20 mehr als beim „normalen“ Bruder C4. Übrigens: Serienmäßig rollt der THP 200 auf 18-Zoll-Rädern. Die gut 480 Euro Aufpreis für die – zugegeben besonders edlen – 19-Zöller kann man sich also sparen.

Was einem erfreulicher Weise nicht erspart bleibt, ist der feine Sound aus dem Motorraum. Genauer gesagt: das Sound-Design. Produziert wird es beim Gasgeben durch eine vibrierende Membrane, die gemeinsam mit der Ansaugluft für eine Klangkulisse sorgt, die in der 30.000-Euro-Klasse eher Seltenheitswert hat. Ein bisschen von diesem Klangerlebnis, das sich sogar in die Gehörgänge von Alfa-Fans einschmeicheln dürfte, kann man sich auf YouTube zu Gemüte führen.

Auf Akustik-Kreationen haben sich die Franzosen mittlerweile ja spezialisiert. Ein treffendes Beispiel dafür sind die variierbaren Warntöne, die zumindest dem Spieltrieb mancher Citroën-Eigner dienen. Beim Motorsound haben die Gallier den Dreh aber wirklich heraus. Selbst der zuvor erwähnte C4-Benziner hat uns im damaligen Testbetrieb durch seine kleinen Trompeten-Solos durchaus verzückt. Mit denen allerdings die Fahrleistungen des 120-PS-Autos nicht so wirklich mithalten konnten.

Ganz anders dagegen – einmal dürfen wir noch ins Schwärmen geraten – die im Grunde gleiche Vierzylinder-Maschine mit ebenfalls 1,6 Liter Hubraum, aber satten 200 Turbo-PS. Wie man diesem Motörchen so viel Elastizität, Drehfreude und ebenso promptes wie seidenweiches Ansprechverhalten anerzogen hat, ist aller Ehren wert. Downsizing der Extraklasse, was die bayerisch-gallische Kooperation da hervorgebracht hat!

Der Testverbrauch von 9,1 Liter Super – wir gestehen’s – dürfte auf einen etwas ungezügelten Gasfuß zurückzuführen sein dürfte. Oder besser gesagt, auf deren zwei. Weil auch unser Senior-Tester, der sich gleich mit anderen Werten und Eigenheiten des DS4 befasst, der Versuchung nicht widerstehen konnte. Andererseits ist es kein Kunststück, mit weniger als neun Litern auszukommen. Denn auch Cruisen gehört für das Allround-Triebwerk des THP 200 zu den leichtesten Übungen.

SENIOREN SPECIAL  (Erklärung siehe Rubrik „Über uns“)

„Heutzutage über die Positionierung eines Autos zu philosophieren“, meint unser 74-jähriger Co-Tester, „ist ein eher sinnloses Unterfangen. Besonders beim DS4, der ein bissel was von vielem ist. Positiv habe ich jedenfalls die leicht erhöhte Sitzposition registriert, die mir natürlich auch das Ein- und Aussteigen erleichtert. Auch weil es trotz augenscheinlicher Coupé-Form nicht zwei, sondern vier Türen gibt und eine kürzere Fahrertür eben einen günstigeren Öffnungswinkel hat.“

Und sonst? „Und sonst hab’ ich mich wohl gefühlt, hatte keine Probleme mit der Bedienung, selbst nicht mit der Schalterflut am Lenkrad, weil ich sowieso nur jene Funktionen nutze, die ich brauche. Was mir aber sofort aufgefallen ist, ist das unerwartet hochwertig ausstaffierte Interieur samt der genauso unerwartet professionellen Verarbeitung. Sie können es, die Franzosen, wenn sie nur wollen!“

Alle weiteren Eindrücke, so der Senior, würden im Großen und Ganzen mit dem früher getesteten C4 übereinstimmen. Logisch, in Anbetracht des praktisch identischen Cockpits. Für Unverständnis sorgte lediglich der Regensensor: „Beim C4 war ich noch voll des Lobes, im DS4 ist er mir dagegen auf den Wecker gegangen. Bei Nieselregen hat der Sensor einwandfrei funktioniert, bei stärker einsetzendem Regen war er leider zu vergessen. Weshalb auch immer.“

Apropos Regen – die miserable Rundumsicht im DS4 hat den Senior-Tester noch mehr echauffiert als beim C4: „So sinnvoll zum Beispiel die verschiebbaren Sonnenblenden sind (Anm. d. Red.: siehe Foto-Galerie), so eine Zumutung ist die breite B-Säule und erst recht die überdimensionierte Verkleidung der D-Säule. Wenn man bei Platzregen im Stadtverkehr unterwegs ist und überall seine Augen haben muss, weil die Fußgänger wie aufgescheuchte Henderln umherschwirren, dann ist das in diesem Bunker alles andere als ein Vergnügen.“

Form folgt Funktion. Dies wiederum dürfte alles andere als eine Devise der Citroën-Designer sein. „Ihr meint das ,Gustostückerl’ des DS4?“ Genau! „Ich hab’s erst nicht glauben können, dass man die Fensterscheiben der schmalen Fondtüren weder runterkurbeln noch ausstellen kann. Da nutzt es meiner Meinung nach wenig, dass die Platzverhältnisse für zwei durchschnittlich große Passagiere durchaus okay sind, sieht man von der etwas eingeschränkten Kopffreiheit ab. Auf längeren Strecken möchte ich hinten trotzdem nicht sitzen. Bei den jetzigen Temperaturen tät’ ich Zustände bekommen, wenn ich mein Fenster nicht öffnen könnte. Auch mit Klimaanlage.“

Umso mehr Freude hat dem Senior-Tester der Platz hinterm Lenkrad bereitet: „Zumal ich auch mit der Federung klar gekommen bin. Fahrbahn-Unebenheiten nimmt der THP 200 straff, aber nicht grob. Und wenn man auf die 19-Zoll-Räder verzichtet, kann’s nur noch besser werden.“

Da sind wir uns ja wieder mal einig. Und der Preis? „Allein mit diesem herrlichen Motor ist der DS4 jeden Cent wert. Dessen ist sich offenbar auch Citroën bewusst, sonst würde man ihn nicht ausschließlich in der Top-Ausstattung anbieten. Wo übrigens für jeden Sportfahrer etwas dabei ist – für junge ebenso wie für ältere. Das Einzige, was unsere Semester vielleicht vermissen könnten, ist ein Automatik-Getriebe…“

Doch auch hier ist Abhilfe möglich: Für Automatik-Freunde bietet Citroën seit Jahresbeginn den DS4 THP 160 an.

Website des Importeurs: www.citroen.at

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